Ibanez Tube Screamer TS808
Der Ibanez Tube Screamer TS808 ist eines der einflussreichsten Overdrive-Pedale überhaupt. Seine weiche Mittenanhebung und sein Soft-Clipping-Charakter prägten ab den späten Siebzigern den Sound der elektrischen Bluesgitarre. Statt das Signal mit Verzerrung zu überladen, veredelt der Tube Screamer die natürliche Stimme von Gitarre und Verstärker. Dieser Ansatz machte ihn zum Standard für Gitarristen auf der Suche nach ausdrucksstarken Bluessounds.
Hersteller und Modellgeschichte
Ibanez stellte den Tube Screamer TS808 1979 vor. Das Pedal wurde in Zusammenarbeit mit dem japanischen Elektronikunternehmen Maxon entwickelt, das damals viele der frühen Ibanez-Effekte fertigte. Das Designziel war einfach, aber ehrgeizig — ein kompaktes Pedal, das das Spielgefühl eines Röhrenverstärkers simuliert, der in natürlichen Overdrive gefahren wird.
Die TS808-Schaltung nutzt einen Operationsverstärker, am berühmtesten den Chip JRC4558, kombiniert mit symmetrischem Dioden-Clipping. Diese Konfiguration erzeugt eine weiche Sättigung ohne harsche Verzerrung. Das Pedal hat außerdem eine ausgeprägte Mittenbetonung und leicht abgesenkte Bässe, ein Voicing, mit dem sich Gitarren im Bandmix durchsetzen und das die Bässe von Amps im Fender-Stil strafft.
Der originale TS808 wurde bis Anfang der 1980er gebaut. 1982 entwickelte sich die Schaltung zum TS9 mit einer etwas anderen Ausgangsstufe. Wegen seiner Verbindung zu legendären Gitarristen wurde der originale TS808 später zu einem der begehrtesten Vintage-Pedale der Welt. Ibanez legte ihn schließlich neu auf, um die anhaltende Nachfrage zu bedienen. Heute wird der TS808 als Reissue weiter gebaut und gilt weithin als Maßstab für Blues-Overdrive-Pedale.
Warum dieses Pedal im Blues zählt
Kaum ein Pedal hat die moderne Bluesgitarre so tief geprägt wie der Tube Screamer. Sein Frequenzgang löst eine klassische Herausforderung im Blues: Er schiebt die Mitten nach vorn und strafft die Bässe. So klingen Stratocasters voller und stimmähnlicher, besonders über Fender-Verstärker, die von Natur aus cleanen Headroom betonen.
Statt den natürlichen Ton der Gitarre zu überdecken, wirkt der TS808 als musikalischer Veredler. Mit moderatem Gain dickt er Einzelton-Linien an und fügt Sustain hinzu, während die Anschlagsdynamik erhalten bleibt. Diese Ansprache ist für ausdrucksstarke Bluesphrasierung unverzichtbar. Besonders für Texas-Bluesgitarristen wurde der Tube Screamer zum perfekten Mittel, bereits laute Röhrenverstärker in singendes Sustain zu treiben.
Was angesehene Bluesgitarristen damit gemacht haben
Der Tube Screamer wird am stärksten mit Stevie Ray Vaughan verbunden. Sein Rig bestand meist aus einer Stratocaster, einem kraftvollen Fender-Verstärker und einem oder zwei Tube Screamern vor dem Amp. Statt das Pedal für schwere Verzerrung zu nutzen, stellte Vaughan den Drive niedrig und den Level hoch ein und schob damit den Verstärker härter an. Diese Technik erzeugte das fette, singende Sustain, das man auf Aufnahmen wie Pride and Joy hört.
Gitarristen nutzen ihn seit Langem, um Marshall-Verstärker für schwebende Blues-Leads anzuschieben. John Mayer übernahm denselben Ansatz auf der Suche nach klassischen Texas-Blues-Sounds. Joe Bonamassa stackt Pedale im Tube-Screamer-Stil häufig mit anderen Overdrives, um einen vielschichtigen Gain-Sound zu erreichen. Das Pedal wurde zu einem Grundpfeiler des modernen Bluesgitarrensounds.
Klangprofil
Der typische Sound des Tube Screamer wird von mehreren zentralen Eigenschaften bestimmt.
Was ihn besonders macht
Die Brillanz des Tube Screamer liegt in seiner Einfachheit. Statt die Verzerrung eines Verstärkers zu ersetzen, wurde das Pedal entwickelt, um mit der natürlichen Stimme des Verstärkers zusammenzuspielen.
Der sorgfältig abgestimmte Mitten-EQ lässt Gitarren sich in dichten Bandmixen durchsetzen. Die Clipping-Struktur erzeugt weiche harmonische Obertöne statt aggressiver Verzerrung. Die Schaltung reagiert außerdem hervorragend auf den Volume-Regler der Gitarre, sodass sich der Sound allein durch Zurückdrehen des Volume-Reglers aufklaren lässt. Diese Eigenschaften lassen den TS808 eher wie einen Teil des Verstärkers wirken als wie einen separaten Effekt.
Für einen Gitarristen wie Gerbman, dessen Kernsound sich um Fender Stratocasters und klassische Röhrenverstärker dreht, fügt sich der Tube Screamer ganz natürlich in die Signalkette ein. Früh auf dem Pedalboard platziert, erfüllt er mehrere Funktionen.
Er dient als milder Overdrive für Rhythmusparts und liefert Wärme und Körper, ohne den Amp zu überfahren. Er funktioniert auch als Boost, der den Verstärker und andere Overdrives für das Leadspiel in fetteres Sustain treibt. Da Gerbman oft Overdrive-Pedale stackt, hilft der fokussierte Mittenbereich des Tube Screamer, die Klarheit zu bewahren, selbst wenn mehrere Gain-Stufen aktiv sind.
Im Blues entsteht so das singende Sustain und der Biss im Texas-Stil, die einen ausdrucksstarken Stratocaster-Sound ausmachen.
Seltenheit und Verfügbarkeit
Originale Vintage-TS808-Pedale aus den späten Siebzigern gelten als Sammlerstücke und erzielen auf dem Gebrauchtmarkt hohe Preise. Frühe Exemplare mit dem JRC4558-Chip sind bei Sammlern besonders begehrt. Ibanez baut derzeit jedoch ein offizielles TS808-Reissue, das die Originalschaltung und den Originalton sehr genau nachbildet. Moderne Reissues sind gut erhältlich und werden von Profigitarristen weltweit eingesetzt.
Varianten und Alternativen
- Ibanez TS9 — die berühmte Variante von 1982 mit etwas hellerer Ausgangsstufe
- Ibanez TS10 — Version der späten Achtziger, populär gemacht unter anderem von John Mayer
- Maxon OD808 — gebaut vom ursprünglichen Ibanez-Hersteller, gilt als sehr authentisch
- Analog Man Silver Mod Tube Screamer — verfeinerte Boutique-Version mit hochwertigeren Bauteilen
- JHS Bonsai — neun Tube-Screamer-Varianten in einem Pedal
- Joyo Vintage Overdrive — preisgünstige Option, die den TS-Charakter einfängt